Ein Beitrag aus: Marianne Grohmann (Hg.)
Identität und Schrift - Fortschreibungsprozesse als Mittelreligiöser Identitätsbildung
Bereits aus der Zeit um 2800 lassen sich literarische Texte in sumerischer und akkadischer Sprache belegen. Die Texte aus der Akkadezeit (ca. 2350–2170 v.u.Z.) weisen nicht nur eine präzise Orthographie, sondern auch einen bewussten Umgang mit Sprache und ihren Ausdrucksmöglichkeiten auf. In der Ur-III-Zeit (ca. 2110–2000 v.u.Z.) werden die sumerisch sprachigen Texte in den großen Zentren wie Ur oder Nippur gesichtet und niedergeschrieben. In der nachfolgenden Isin-Larsa-Zeit (ca 2019–1763 v.u.Z.) verschriftete man wohl die über längere Zeiträume mündlich überlieferte Literatur. In der altbabylonischen Zeit (ca. 1900–1600 v.u.Z.) kam eine neue Aufgabe auf die Schreiber zu. Da die sumerische Sprache langsam ausstarb oder bereits ausgestorben war und durch das Akkadische verdrängt wurde, sahen sich die Gelehrten veranlasst, das sumerische Erbe zu bewahren, indem sie die alten Texte aufschrieben. Sumerisch blieb bis in das erste Jahrtausend hinein die „Wissenschaftssprache“ der Gelehrten und des Kultes, und seine Kenntnis war für die Ausübung aller religiösen Praktiken in verantwortlicher Position unerlässlich. In dieser Zeit wurde eine Tradition begründet, die bis zum Ende der Keilschriftliteratur erhalten blieb: Die Erlernung, Bewahrung, Weitergabe und Kanonisierung des überlieferten Materials. Die große Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (668–631 v.u.Z.) in Ninive ist der krönende Abschluss einer langjährigen Sammeltätigkeit altorientalischer Literatur. Die „neuen“ literarischen Texte der altbabylonischen Zeit entstammten ursprünglich wohl weniger dem Umfeld der Schreiber als vielmehr dem der Sänger.
Es spricht einiges dafür, dass die Gilgamesch-Texte wie auch die übrige Literatur am Königshof entstanden und vorgetragen wurden, um u.a. eine gemeinsame Vergangenheit und Identität hervorzurufen und daraus eine gemeinsame Zukunft zu bewirken. Texte wie das Gilgamesch-Epos stellten diese Verbindung in die Vergangenheit her.
Vier Hauptphasen der Entstehungsgeschichte des Gilgamesch-Epos lassen sich feststellen:
1. Die sumerischen Erzählungen
Aus der frühesten Phase stammen die sumerischen Texte, bei denen es sich um einzelne unverbundene Erzählungen handelt. Die Textzeugen sind Kopien älterer Texte und stammen aus dem 18., die Vorlagen wohl aus dem 21. Jahrhundert, d. h. der Ur-III-Zeit, ein genauerer Zeitraum lässt sich nicht festlegen. Allerdings ist auffällig, dass sich die Texte aus unterschiedlichen Orten ähneln, so dass eine gemeinsame Tradition vorliegen dürfte. Bei diesen Texten dürfte es sich um höfische Literatur handeln, die der Unterhaltung und Identitätsstiftung einer kleineren Gruppe um den König und seine Getreuen dienten.
a: Sieg über Huwawa + Kampf mit dem Himmelsstier
b: Gilgameschs Auseinandersetzung mit der Unterwelt:„Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ und „Gilgamesch und der Tod“.
c: Der Streit zwischen Gilgamesch und Akka, dem König der benachbarten prestigereichen Stadt Kisch.
Die Motive der Auseinandersetzung mit Huwawa sowie der Sieg über den Himmelsstier werden Bestandteil des SB (spätbabylonischen) Epos, die Erzählungen „Gilgamesch und der Tod“ und „Gilgamesch und Akka“ sind dagegen nicht in die ursprüngliche SB-Fassung aufgenommen worden.
2. Die akkadischen Texte des 2. Jahrtausends und das altbabylonische Epos
Die elf derzeit aus der altbabylonischen Zeit bekannten Texte sind leider nur recht fragmentarisch erhalten. Es lassen sich nicht nur die ersten Verbindungen einzelner Themen feststellen, sondern auch inhaltliche Veränderungen einzelner Motive. So wird z. B. Enkidu vom Diener Gilgameschs zu seinem Freund und Bruder. Gilgameschtexte sind zu dieser Zeit im gesamten Vorderen Orient belegt und vermittelte den babylonische Wertekanon und die babylonischen Vorstellungen von der hethitischen Hauptstadt Hattuscha in Zentralanatolien über Megiddo in der Levante und Emar am mittleren Euphrat bis in das iranische Susa. Das Thema der Erzählungen aus der altbabylonischen Zeit sind einerseits die Abenteuer Gilgameschs, andererseits die existentielle Frage: Wie sieht ein gutes Leben aus? Der Inhalt der Erzählungen war wohl einem breiteren Publikum bekannt, wie die in Wohnhäusern gefundenen Terrakottaplatten mit Gilgameschmotiven zeigen. Das Gilgamesch-Epos hatte in dieser Zeit überdies eine wichtige Funktion als Schultext.
3. Das Epos des 1. Jahrtausends (SB-Epos)
Dies geht wohl auf den babylonischen Priester und Gelehrten Sin-leqe-unnini zurück, der in das 11. Jahrhundert datiert wird. Möglicherweise war er es auch, der den Prolog und Epilog, sowie die Sintfluterzählung der ursprünglichen Erzählung hinzugefügt hat. Nach allgemeiner Ansicht behandelt das SB-Epos das Thema „Weisheit“ und den Weg, den Gilgamesch einschlägt, um diese am Ende zu erlangen. Die wesentliche Veränderung der sumerischen und altbabylonischen Fassungen zur SB-Version besteht wohl darin, dass Sin-leqe-unnini das sumerische/altbabylonische Loblied für Gilgamesch in eine Abhandlung über das drohende Verhängnis des Menschen umarbeitet. Ein ursprünglich als Heldenepos konzipiertes Werk wandele sich zu einem Werk der Weisheitsliteratur, indem es Elemente der sogenannten narû-Literatur aufgreift, d. h. Texten, die die Taten früherer Könige aufzeichnen und reflektieren. Gilgamesch wird also in der SB-Version zu einem Rollenvorbild für den guten Herrscher. In der Fassung des 1. Jahrtausends fehlen die Lebensfreude und Orientierung auf das diesseitige Leben, wie sie in der altbabylonischen Fassung zu finden waren. Ziel war es außerdem, zumindest im Umfeld des Palastes, ein Rollenvorbild für den König zu schaffen.
4. Ergänzung im Jahre 705 um die 12. Tafel
Als im Jahre 705 der assyrische König Sargon II (722– 705) auf dem Schlachtfeld starb und sein Leichnam nicht geborgen und begraben werden konnte, war dies eine Katastrophe für das assyrische Königshaus. Ein unbestatteter Leichnam findet keine Ruhe in der Unterwelt, sondern bedroht als böser Dämon die Lebenden, da er keine Opfer erhalten kann, die sein Überleben in der Unterwelt sichern. Teils wird angenommen, daß der assyrische Gelehrte Nabû-zuqup-kēnu aus Kalhu/Nimrud dem bestehenden Text des Gilgamesch-Epos eine 12. Tafel hinzufügte, bei der es sich um eine wörtliche Übersetzung des 2. Teils der sumerischen Erzählung „Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt“ handelt, die bis heute nur durch Textzeugen aus der altbabylonischen Zeit bekannt ist. Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass dieser sumerische Text über1000 Jahre bekannt geblieben ist und dem Gelehrten für seine Arbeit zur Verfügung stand.
In der sumerischen Erzählung hat Gilgamesch einen großen Baum gefällt und daraus Möbel für die Göttin Inana/Ischtar angefertigt. Aus dem Restholz hat er ein Spielgerät hergestellt, welches durch ein Loch in die Unterwelt fiel. An dieser Stelle beginnt unvermittelt die akkadisch sprachige 12. Tafel des Gilgamesch-Epos. Gilgamesch beklagt seinen Verlust, und Enkidu als treuer Freund und Diener bietet an, das verlorene Spielgerät zurückzubringen. Er hält sich jedoch nicht an die Verhaltensregeln, die ihm Gilgamesch auf den Weg mitgibt und muss daher in der Unterwelt bleiben.
Ziel Nabû-zuqup-kēnus war es wohl, eine Verbindungzwischen dem Schicksal Sargons und der Gilgamescherzählung herzustellen.
Gilgamesch-Epos, Tf. XII, 148–153:
Gilgamesch sagt zu Enkidu, der in der Unterwelt gefangen ist: Sahst du den, der in der Schlacht getötet wurde? – Enkidu antwortet: Ich sah ihn. Sein Vater und seine Mutter erweisen ihm Ehre und seine Gattin weint wegen ihm. – Sahst du den, dessen Leichnam in die Steppe geworfen ist? – Ich sah ihn. Sein Totengeist findet in der Unterwelt keinen Schlaf. – Sahst du den, dessen Totengeist niemanden hat, der ihn versorgt? – Ich sah ihn. Er isst Reste aus dem Topf und Brotbrocken, die auf die Straße geworfen sind.
Unabhängig davon, ob es tatsächlich Nabû-zuqup-kēnu war, der die 12. Tafel angefügt hat oder ein anderer Gelehrter: Es ist deutlich, dass das Gilgamesch-Epos als lebendiges Literaturwerk keine Rolle mehr spielte und in dieser Zeit nur noch in Gelehrtenkreisen rezipiert und weitergegeben wurde, denn sonst hätte man zweifellos auf die Erzähllogik geachtet und berücksichtigt, dass Enkidu bereits in Tf. VII gestorben war. Demnach ist das Gilgamesch-Epos als Text im 1. Jahrtausend nur noch ein “literary fossil”
Im Gilgamesch-Epos lässt sich erkennen, wie Themen und Motive entsprechend den sich verändernden gesellschaftlichen Gegebenheiten eingesetzt werden. Ausschließlich heroische Erzählungen, wie das sumerische Epos „Gilgamesch und Akka“, werden kein Bestandteil der altbabylonischen Fassung. Die Ratschläge der Schenkin Siduri, die die Vorstellungen eines guten Lebens in der altbabylonischen Zeit widerspiegeln, werden in die SB-Fassung nicht aufgenommen, da sich der thematische Schwerpunkt auf die Frage nach dem Weiterleben und dem Ende des Menschen verlagert hat.
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Die Erzählung „Gilgamesch und Akka“
ist nur in sumerischer Sprache überliefert. Die Textzeugen stammen wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert. Weder der Text noch seine Motive sind in die späteren Fassungen aufgenommen worden. Die Erzählung stammt sicherlich aus einem konkreten historischen Umfeld, denn sie spielt auf die frühen Auseinandersetzungen zwischen den sumerischen Stadtstaaten an, die zur Zeit der Zusammenfügung des Gilgamesch-Epos in der frühen altbabylonischen Zeit nur noch begrenzt aktuell waren.
Die Ratschläge der Schenkin Siduri gehören zu den bekanntesten Episoden des Gilgamesch-Epos. Sie sind allerdings bislang nur auf einer einzigen Tafel aus der alt-babylonischen Zeit aus der Stadt Sippar überliefert und fehlen in der SB-Fassung.
Bild: Assyrisches Relief aus Khorsabad, oft als Darstellung des Gilgamesch gedeutet, Louvre
(PDF) Fortschreibungsprozesse im/des Gilgamesch-Epos | Sabina Franke - Academia.edu
Bild: Gilgamesch – Wikipedia
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