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altorientalische Musiker

betrachtete wird Zeit zwischen Ur-III und der Hammurabi-Dynastie:
während die Ur-III-Dynastie noch weitgehend der sumerischen Tradition verpflichtet war, steht die Hammurabi-Dyn. auch unter dem Einfluss nordwestsyrischer Tradition. Mit Zerfall von Ur-III bilden sich dann neue Dynastien und Stadtstaaten heraus, von denen im Süden Mesopotamiens die Isin-Dyn. und die Larsa-Dyn. zu den bedeutendsten zählen. Im nordbabylonischen raum bestehen hingegen eigenständige Fürstentümer und Königreiche in Sippur, Dilbat und Kis(h). Die Vermischung sumerischer und nordwestsyrischer Traditionen lässt sich u.a. auch am überlieferten Liederrepertoire nachvollziehen. Unter Hammurabi wird schließlich der gesamte mesopotamische Raum von Uruk (Süden) bis Mari (Norden) zusammen geführt. Bereits unter Hammurabi´s Nachfolger Samsuiluna aber finden Revolten statt (bspw. Rim-Sin II von Larsa), was zum Verlust Süd-Babyloniens führt.

aus einem altbabylonischen Schuldialog "Der Vater und sein missratener Sohn" von ca. 2000 v.u.Z.:

"Unter den Sachkundigen Meistern, die im Lande wohnen,
Die mit Namen benannte sind, hat Enki
Keinen Beruf, der so schwer ist wie das Schreibhandwerk -
Wohlan er hat ihn genannt! -
Mit Namen benannt, mit Ausnahme von der Musik:
So wie bei den Meeresufern das eine von dem anderen weit weg ist,
So fern sind die Geheimnisse der Musik"

Damit nimmt die Musik unter allen von Enki den Menschen gegebenen Handwerkskünsten eine sehr hohe Stellung ein und wird damit wohl sogar noch der Schreibkunst übergeordnet.
Musikalische Betätigung gab es nicht nur unter professionell Ausgebildeten, sondern sind für das Personal am Tempel, im Palast oder auf der Straße attestiert.

Vorwiegend wird zwischen dem "nar" (akkadisch naru(m)) als "Sänger, Instrumentalist, Musiker" und dem "gala" (akkadisch: kalu(m))als "Klagepriester bzw. -Sänger" unterschieden. Aber auch die "nar" und "gala" werden noch in sich differenziert.

nar-gal - großer Musiker
nar-tur - kleiner Musiker
gala-mah - großer Klagepriester bzw. -Sänger
gala-tur - kleiner Klagepriester bzw. -Sänger
ugala nar - Musikaufseher (Organisator)

seltener belegt:
nar igi lugal - Musiker vor dem König (Hofmusiker)
nar gu3 dug3-ga - Musiker mit süßer Stimme
nar gu3 nu-dug3-ga - Musiker mit keiner süßen Stimme
nar hal-la tus(h)-a - lernender Musiker (in anderen texten als "nar-tur")
nar es(h)3-a - Musiker am Kultschrein
munus nar-tar-tar - sehr junge Musikerinnen (unter König Zimri-Lin)
e2(lu2)-nar - Musikerhaus (Isin, Larsa)

Sowohl das Amt des "nar gal", wie auch das Amt des "gala-mah" waren feste Institutionen, die pro Stadt oder Tempel durch eine einzelne Person besetzt waren.

Laut dem Mythos "Enki und Ninmah" kam die besondere Position eines Hofmusikers dem von der Muttergöttin Ninmah erschaffenem Blinden zu. Er erhielt den Titel "Großdrache" (us(h)umgal), ein Wort, welches man sonst eher im Bezug auf Götter verwendete.

Als us(h)umgal-kalam-ma ("Großdrache des ganzen Landes") wird der persönliche nar des Gottes Ningirsu im Gudea Zylinder B tituliert.

"Lugal-gaba-gal2" war der "nar" des Gilgamesch (Gilgamesch und der Himmelsstier)
Insgesamt erscheint für die Position des ersten "Hofmusikers" keine einheitliche Terminologie zu bestehen. Der "nar igi lugal" ist nur einmal in Isin bestätigt, was in Ur-III dem "nar-lugal" entsprach und in Mari dem "nar gal".

Künstlerisches Personal im Umfeld des "nar gal" sind die "huppu(m)"-Tänzer, welche ihm direkt unterstehen und (seltener) der oder die "aluzinnu(m)"-Gaukler. Die "huppu(m) waren wohl ausschließlich männlich und stellten tänzerisch wohl Kriegs- und Jagdgeschehen dar, teils mit Waffen (Ziegler: "Schwertkampftanz")

Der "nar gal" bekam auch Pachtland oder Ländereien vom König
Der einfache "nar" erhielt Getreide, Bier oder auch bronze, Silber oder Wolle.

sumerisches Sprichwort:
dub-bar s(h)u nu-a nar gili3 nu-a
"Ein Schreiber ohne Hand (ist wie ein) Musiker ohne Kehle"

nar-sa - Saiteninstrumentalist
sa em/bbubim - Rohrinstrumentenspieler
tiggi (NAR.BALAG) - Perkussionist (?)
sir3 oder en3-du (akkadisch: zamaru(m)) - Lied
er2 - die Klage
s(h)ud3 (akkadisch: ikribu(m)) - Gebet

Laut dem Mythos "Inanna in der Unterwelt" schuf Gott Enki aus dem Dreck unter seinen Fingernägeln die "gala" extra für Göttin Inanna, um ihr Herz zu besänftigen, da sonst der Erhalt des Lebens bedroht wäre. Und natürlich um Göttin Ereskigal zu besänftigen. Enki erschuf zwei "Zwischenwesen": den "gala-tur(-ra)" und den "kur-gar(-ra)", welcher transsexuelle Merkmale aufweist und dessen Selbstkasteiung als Klageform galt. Beide gelten als "Zwischenwesen", als "Mittler" und "Grenzgänger", weshalb sie ungehindert die Totenwelt passieren können.
Der "gala-tur" wirkt durch sumerische Sprichworte und die Verwendung des Eme-sal als religiös abgehobener Sonderling. Die "Gala" waren daher womöglich Hermaphroditen, Eunuchen, Kastraten, Homosexuelle oder Transvestiten. Die "gala" gab es weiblich und männlich, teils verheiratet und teils als Väter von (vermutlich adoptierten) Kindern. Die "gala" stehen in deutlicher Verbindung zur Göttin Inanna und ihrem Kult.

An der Existenz von Hermaphroditen im Alten Orient besteht kein Zweifel.
Ausschließlich dem Bereich der Klage sind die Berufe des "balag-di" ("der, der das balag spricht/spielt") und der der Klagefrau "ama´erra" zuzuordnen. Im Gegensatz zum "gala" und "nar" sind diese in den altbabylonischen Texten sehr selten vertreten.


Quelle: "Musiker und ihr vokales Repertoire" aus Göttinger Beiträge zum Alten Orient Band 3
pdf: http://d-nb.info/101866694X/34

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