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Von Tokenzeichen zum Alphabet

Die Entwicklung der Schriftsysteme

Die in Henan gefundenen chinesischen Zeichen, die auf ungefähr 6600 v.u.Z. datiert und als Jiahu-Schrift gedeutet werden, werden von einigen Forschern als die älteste Schrift überhaupt angesehen. Dies ist jedoch recht umstritten, da diese Zeichen isoliert, d. h. angeblich ohne hochkulturellen Kontext existieren. Die Jiahu-Schrift bezeichnet 16 Markierungen auf prähistorischen Artefakten, die in Jiahu (Henan, China) gefunden wurden und zu der neolithischen Peiligang-Kultur gehören.

Ähnliches gilt für die Vinča-Schrift in Südosteuropa. Es handelt sich dabei um beschriftete Objekte aus Kulturstätten früher Siedlungen wie einerseits Skulpturen und Kulturgegenstände, die mit geometrischen Mustern verziert wurden. Eine eigene Gruppe von Gegenständen sind solche mit Sequenzen eingeritzter Zeichen, die als Inschriften erkennbar sind und nicht mit Ornamenten verwechselt werden können. Das würde bedeuten, dass die Verwendung der Schrift zeitlich betrachtet auf ca. 5500 v.u.Z. datiert werden kann. Die Tontafeln von Tărtăria (Rumänien) können beispielsweise auf ca. 5300 v.u.Z. datiert werden



(welt . de)


Die Anfänge der Schrift sind im Bereich der Wirtschaftsorganisation zu verorten. Um 8000 v.u.Z. traten in Mesopotamien erstmals sogenannte tokens ("Zählsteine") auf. Die jeweilige Form symbolisierte bestimmte Handelsgüter und die Anzahl der tokens stand für die jeweilige Anzahl der damit symbolisch repräsentierten Güter.
In Uruk fanden sich dann erstmals hohle Tonkugeln, in deren Inneren tokens eingeschlossen waren. Nachdem jedoch dann auch auf der Außenseite die Art und Anzahl der tokens vermerkt wurde, wurde der schritt mit den hohlen Tonkugeln überflüssig. Auf die Kugelform wurde dann verzichtet und man ging dazu über, die Abbildung der zu verhandelnden Güter in art und Anzahl auf Tontafeln einzudrücken. Der erste Schritt zur Schrift war somit erfolgt.

Mit den archaischen Texten aus Uruk (ca. ab 3000 v.u.Z.) liegen die ältesten Wirtschaftstexte - und die ersten belege für die Verwendung von Schrift überhaupt - vor. Die Schrift bestand aus keilförmigen Zeichen, die mit einem Rohrgriffel in den feuchten Ton gedrückt wurden.
Die ältesten Keilschrifttexte bestanden dabei aus Piktogrammen und Ideogrammen (d.h. Zeichen, die je ein Wort darstellen). Um 2700 v.u.Z. findet in Mesopotamien ein Wechsel von stilisierten piktographischen Zeichen zur Keilschrift statt.

Als Proto-Keilschrift wird dasjenige Schreibsystem definiert, mit dessen Hilfe die archaischen Texte aus der späten Uruk-Zeit (also Uruk IV und Uruk III) bis hin zur beginnenden frühdynastischen Zeit (fDyn I) geschrieben wurden, also die Schrift der sumerischen Texte um ca. 3200-2700 v.u.Z.. Damit gilt die Proto-Keilschrift nach heutigem Stand der Wissenschaft als ältestes Schriftsystem der Welt. Das südmesopotamische Uruk, am Euphrat zwischen Fara und Ur gelegen, bildet den Hauptfundort der Proto-Keilschrift-Texte.


(wiki)


Die frühesten Hieroglyphenfunde stammen aus Ägypten und dem Zeitraum um 3200 v.u.Z. Es ist aber nicht gesichert, ob die Schrift nicht schon früher entstand. Bis ca. 390 u.Z. blieb die Schrift im Wesentlichen erhalten; die Anzahl der verwendeten Zeichen erhöhte sich aber von etwa 700 auf 5000.

Hieroglyphen (wiki)


Um schnelles Schreiben zu gewährleisten, verwendeten die Schreiber neben der aufwändigen Hieroglyphenschrift eine Kursivschrift, die auch Hieratisch („priesterlich“) genannt wird. Aus dieser frühen, sehr eng an die Hieroglyphen gebundenen kursiven Schrift entstand das seit der 4. Dynastie ( Altes Reich, ca. 2707–2216 v.u.Z., 3.-6.Dyn.) belegte Althieratische, das den hieroglyphischen Formen immer noch verhältnismäßig direkt entspricht. Zu dieser Zeit wurde das Hieratische in senkrechten Zeilen geschrieben, die von rechts nach links auf dem Papyrusblatt angeordnet waren


(hieratisch, wiki)


Ab etwa der Mitte des 3. Jt. v.u.Z. verfügten die Mesopotamier über ein komplexes Schriftsystem, mit dem alle Inhalte mündlicher Kommunikation wiedergegeben werden konnten. Dennoch blieben das Lesen und Schreiben eine "hohe Kunst", die nur von wenigen beherrscht und ausgeübt wurde.

Die um 2300 v.u.Z.. beginnende Vorherrschaft der Akkader führte dazu, dass die sumerische Keilschrift etwas vereinfacht wurde und um 2000 v.u.Z. nur noch Akkadisch gesprochen wurde. Die Keilschrift konnte nun sowohl Akkadisch als auch das alte Sumerisch darstellen, das inzwischen zu einer heiligen Sprache geworden war, welche alsbald nur noch in schriftlicher Form weiter tradiert wurde. Assyrer und Babylonier übernahmen die akkadische Keilschriftform.

akkadisch (wiki)


Weitere Völker übernahmen die Keilschrift: Die Bewohner des Landes Elam mit der Hauptstadt Susa (heutiger Iran) und die Hethiter, deren indogermanische Sprache sich vom semitischstämmigen Akkadisch sehr unterscheidet. Die Hethiter ersetzten zunächst ihre eigenen, ganz andersartigen Piktogramme durch die Keilschrift. Auch das Perserreich verwendete etwas später die Keilschrift. Die Verbreitung der Keilschrift verlief im Norden bis nach Armenien, wo Urartäisch gesprochen wurde, im Süden bis nach Palästina, wo Kanaanäisch die vorherrschende Sprache war.

In der Mitte des 2. Jt. v.u.Z. endete die Dominanz der Silbenschrift und die Alphabetschrift setzte sich durch.

Die Linearschrift A ist neben der kretischen Hieroglyphenschrift eines der beiden Schriftsysteme der minoischen Kultur Kretas. Sie wurde vom 17.-15. Jhr. v.u.Z. verwendet und konnte bisher nur ansatzweise entziffert werden. Sie wurde von links nach rechts. Aus Linearschrift A wurden später die an das Griechische angepasste Linearschrift B sowie die kypro-minoische Schrift entwickelt.

Linear A (wiki)

Linearschrift B  ist die Silbenschrift der Mykenischen Kultur Griechenlands. Sie wurde vom 15.-12. Jhr. v.u.Z. ausgehend von Knossos auf Kreta und dem griechischen Festland verwendet. Bekannt sind etwa 90 Silbenzeichen, 160 Zeichen mit Wortbedeutung sowie diverse Zahlzeichen. Geschrieben wurde von links nach rechts.

Linear B (wiki)



Das ugaritische Alphabet bestand aus 22 bzw. 30 Buchstaben (kurzes/langes Alphabet) und kam im 15./14. Jhr. v.u.Z. auf. Nach dem Untergang von Ugarit transformierten und übernahmen die Phöniker die Alphabetschrift und entwickelten daraus eine 22 Buchstaben umfassendes Schriftsystem - das phönikische Alphabet. (siehe; Sarkophaginschrift des König Ahriman von Byblos, 11. Jhr. v.u.Z.)
Ugarit (wiki)


Das phönikische Alphabet diente dem aramäischen als Grundlage. Auf dem aramäischen Alphabet fußen das hebräische, das arabische und das griechische Alphabet. Auf dem griechischen Alphabet wiederum das lateinische und kyrillische Alphabet.

9. Jhr. v.u.Z. schriftliche Aufzeichnungen des aramäischen, Hebräischen, Ammonitischen, Moabitischen und Edomitischen. Im 9. Jhr. v.u.Z. kam das Alphabet nach Zypern und weiter in die Ägäis. Im Verlauf des 8. Jhr. v.u.Z. drang es nach Sardinien und Westspanien. Die Griechen übernahmen spätestens im 6. Jhr. v.u.Z. die phönikische Schrift. Griechische Siedler vermittelten das Alphabet weiter nach Italien, wo es die Etrusker im 4. Jhr. v.u.Z. übernahmen. Im 3. Jhr. v.u.Z. gelang das Wissen um die griechisch-etruskische Variante der Schrift nach Rom und über Rom im Verlauf des 1. Jhr. v.u.Z. nach Mitteleuropa.

Im 8. Jhr. v.u.Z. wurde im Land Aram, im heutigen Syrien, das aramäische Alphabet verwendet, das in nur wenigen Details vom ehemaligen phönizischen Alphabet abweicht. In dieser Schrift wurden einige Bücher des Alten Testaments verfasst. Die ältesten Schriftfunde des alten Hebräisch, auch als eckiges Hebräisch bezeichnet, gehen bis in das 7. Jhr. v.u.Z.. zurück. Die größten Teile des Alten Testaments wurden auf Hebräisch niedergeschrieben.

Die ersten arabischen Inschriften werden auf 512/513 u.Z.. datiert, die Verbreitung der Schrift begann aber erst, als die Gefährten des Propheten Mohammed den Koran als Botschaft Allahs niederschrieben. Mit der Flucht des Propheten nach Medina beginnt im Jahr 622 u.Z. die moslemische Zeitrechnung und mit der Verkündung der Worte Mohammeds durch seine Nachfolger verbreitet sich auch die Arabische Schrift.


Quellen:
- Marlies Heinze - "Vorderasiatische Altertumskunde"
- wiki

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